Pfalz Versus Rheinhessen
Sie grenzen aneinander, zusammen stellen sie gut die Hälfte der gesamten deutschen Rebfläche, und sie werden ständig verwechselt. Dabei sind Pfalz und Rheinhessen in fast allem, was zählt, verschieden. Wer weiß, worin genau, findet schneller die Flasche, die zu ihm passt.
Die Zahlen: Wer ist wirklich größer?
Rheinhessen ist mit rund 27.700 Hektar das größte Weinanbaugebiet Deutschlands, die Pfalz folgt mit rund 23.600 Hektar auf Platz zwei. Der Abstand beträgt gut 4.000 Hektar, also etwa die halbe Rebfläche der Mosel.
Interessant wird es beim Blick auf die Farbe. Rheinhessen ist zu drei Vierteln weiß bestockt. Die Pfalz hat den größeren Rotweinanteil, und zwar so deutlich, dass sie trotz der kleineren Gesamtfläche das größte Rotweingebiet Deutschlands ist: rund 7.400 Hektar gegen rund 7.000 in Rheinhessen. Das kleinere Gebiet gewinnt hier also gegen das größere.
| Rheinhessen | Pfalz | |
| Rebfläche | rund 27.700 ha | rund 23.600 ha |
| Anteil Weißwein | rund 75 Prozent | rund 69 Prozent |
| Rotweinfläche | rund 7.000 ha | rund 7.400 ha, größtes Rotweingebiet |
| Stärkste weiße Sorte | Riesling, dann Müller-Thurgau | Riesling, größte Riesling-Fläche der Welt |
| Stärkste rote Sorte | Dornfelder | Dornfelder |
| Spezialität | Silvaner, Scheurebe, Roter Hang | Sauvignon Blanc, Chenin Blanc, Rotwein-Cuvées |
Klima und Landschaft
Beide Gebiete gehören zu den wärmsten und trockensten Deutschlands, kommen aber auf unterschiedlichem Weg dorthin.
Die Pfalz liegt im Windschatten des Pfälzerwaldes. Das Gebirge hält die Wetterfronten aus dem Westen ab, und entlang der Deutschen Weinstraße wachsen Feigen, Mandeln und Zitronen. Wer dort im Frühjahr durch die Mandelblüte fährt, versteht sofort, warum die Region als deutsche Toskana vermarktet wird.
Rheinhessen hat keinen Gebirgsschutz, dafür ein Meer aus sanften Hügeln, die sich gegenseitig den Wind nehmen. Der Niederschlag ist mit gut 500 Millimetern im Jahr einer der geringsten in ganz Deutschland. Der Rhein wirkt im Norden und Osten als Wärmespeicher. Beide Regionen bringen ihre Trauben also zuverlässig reif in den Keller, die Pfalz mit etwas mehr Wucht, Rheinhessen mit etwas mehr Kühle in den Nächten.
Weißwein: Riesling gegen Riesling
Riesling ist in beiden Gebieten die flächenstärkste Sorte, und beide Male schmeckt er anders. Der Pfälzer Riesling wächst wärmer, fällt breiter und reifer aus und geht Richtung Pfirsich und gelber Apfel. Der rheinhessische bleibt eine Spur schlanker und saftiger, mit mehr Apfel und Aprikose. Eine Ausnahme bildet eine sehr kleine Stelle in Rheinhessen: der Rote Hang zwischen Nackenheim und Nierstein, wo eisenhaltiger Ton-, Schluff- und Sandstein die Reben nachts wärmt. Die Rieslinge von dort fallen kräftiger und würziger aus als der Durchschnitt der Region.
Danach trennen sich die Wege. In Rheinhessen steht auf Platz zwei der Müller-Thurgau mit gut 3.700 Hektar, mehr als doppelt so viel wie in der Pfalz. Dafür hat die Pfalz einen Vorsprung bei den kräftigen Weißweinen und beim Sauvignon Blanc: Rund 40 Prozent der gesamten deutschen Sauvignon-Blanc-Fläche stehen dort. Die Auswahl dazu findest du unter Wein aus der Pfalz.
Rotwein: die Überraschung
Wer deutschen Rotwein sagt, denkt selten an die Pfalz, dabei ist sie flächenmäßig das größte Rotweingebiet des Landes. Der Dornfelder führt in beiden Regionen die Fläche an, dunkel, weich und unkompliziert. Beim Spätburgunder liegt die Pfalz vorn, und sie hat sich zusätzlich einen Ruf für dichte Rotwein-Cuvées aufgebaut, oft mit Cabernet Sauvignon oder Merlot im Verbund und im Barrique ausgebaut. Eine Rarität, die es fast nur in diesen beiden Regionen gibt, ist der St. Laurent, eine Sorte aus der Burgunderfamilie, die dunkler und würziger ausfällt als der Spätburgunder. In den sechziger Jahren war sie in Deutschland fast verschwunden, heute verteilt sie sich zu ungefähr gleichen Teilen auf Pfalz und Rheinhessen.
Rheinhessen setzt beim Rotwein weniger auf Wucht. Spätburgunder wird in kleineren Mengen, dafür mit hohem Anspruch ausgebaut, der Portugieser liefert die leichte Variante und geht flächenmäßig zurück.
Die Sorten, die jede Region prägen
Zwei Sorten prägen Rheinhessen besonders. Der Silvaner steht dort auf mehr Fläche als in jedem anderen deutschen Anbaugebiet. Er ist der stille Gegenentwurf zum Riesling: wenig Aroma, dafür Struktur und ein gerader, trockener Abgang, der zum Essen oft besser funktioniert als jede Aromasorte. Und die Scheurebe stammt buchstäblich von dort, sie wurde in Alzey aus Riesling und Bukettrebe gezüchtet. Beides findest du unter Wein aus Rheinhessen.
Die Pfalz punktet dafür beim Sauvignon Blanc, wo sie mit rund 40 Prozent der deutschen Fläche klar vorn liegt, und mit Sorten, die man in Deutschland nur selten findet: Chenin Blanc und Viognier wachsen dort in kleinen, aber ernst zu nehmenden Mengen.
Ruf und Selbstbild
Beide Regionen haben denselben Weg hinter sich, vom Massenlieferanten zur Qualitätsregion, und beide erzählen ihn unterschiedlich. Rheinhessen tut es über die Stadt: Mainz und Rheinhessen gehören seit 2008 zum Netzwerk der Great Wine Capitals, einem Verbund von elf Weinmetropolen, in dem auch Bordeaux, Verona und das Napa Valley sitzen. In Nierstein liegt mit dem Glöck außerdem die älteste urkundlich erwähnte Einzellage Deutschlands.
Die Pfalz erzählt ihre Geschichte über die Landschaft. Die Deutsche Weinstraße war die erste touristische Weinstraße Deutschlands, und das mediterrane Lebensgefühl entlang der Haardt ist bis heute das stärkste Verkaufsargument der Region.
Welche Region passt zu dir?
- Du magst kräftige, reife Weißweine: Pfalz. Riesling, Weißburgunder und Chardonnay fallen dort voller aus.
- Du magst schlanke, trockene Weißweine zum Essen: Rheinhessen, vor allem Silvaner.
- Du suchst deutschen Rotwein mit Substanz: Pfalz, besonders die Cuvées und den Spätburgunder.
- Du magst aromatische Weißweine: Scheurebe aus Rheinhessen oder Sauvignon Blanc aus der Pfalz, je nachdem, ob es nach Muskat oder nach Paprika riechen darf.
- Du willst Preis-Genuss-Verhältnis: beide, und zwar bei den Ortsweinen der Familienbetriebe, nicht bei den Lagenweinen.
Fazit
Rheinhessen ist größer, weißer und stilistisch breiter aufgestellt, die Pfalz wärmer, roter und geschlossener im Auftritt. Wer beide nebeneinander probiert, merkt den Unterschied am ehesten am gleichen Wein: Zwischen einem Riesling von der Mittelhaardt und einem vom Roten Hang liegen keine fünfzig Kilometer und trotzdem zwei Welten. Die komplette Auswahl steht unter Wein aus Rheinhessen und Wein aus der Pfalz.